Freitag, 21. August 2015
20 anos MST Mato Grosso
Schon nach zwei Wochen in Brasilien ging es für Vera und mich nach Cuiaba zum 20-jährigen Jubiläum der MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais sem Terra). Diese Bewegung Landloser besetzt seit 20 Jahren in Mato Grosso ungenutzte Landfläche und kämpft jahrelang um diese Flächen, bis sie den Eigentümern aberkannt und ihnen zugesprochen werden.
Leider habe ich an den vier Tagen, die wir in Cuiabá verbracht haben kaum etwas verstanden. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass es ziemlich schwer ist politische Reden in einer fremden Sprache zu verstehen. Das ließ mich oft enttäuscht irgendwo herumsitzen. Dazu kam noch der Lärm und die Hitze, die in Cuiabá noch unerträglicher ist.
Sanzio hat uns ein bisschen etwas erklärt, zum Beispiel, dass Brasilien gerade seit 2 Jahren in einer politischen Krise steckt, weil die meisten PT-Anhänger (Arbeiterpartei) unzufrieden mit der Politik Dilmas sind, da sie nicht umsetzt was sie verspricht und so die sozialen Verbände auch in eine Krise zieht. Es waren Vertreter von verschiedenen Organisationen da, die erzählt haben was für verschiedene Auswirkungen die Agrarreform haben wird und warum es sich lohnt sich dafür einzusetzen. Insgesamt haben glaube ich alle dafür geworben, die PT weiter zu wählen, bin mir aber nicht sicher.
Die Stimmung war natürlich sehr emotional, weil sie die Erfolge der 20 Jahre und die Verluste, also Leute die dabei gestorben sind, in Erinnerung geholt haben. Man hat ihnen ihren Stolz ansehen können. Die ganzen Kampfrufe fand ich am Anfang ein bisschen komisch, aber ich glaube dass die Gemeinschaft, die dadurch entsteht den Leuten total viel Kraft gibt, weil alle einen ähnlichen Kampf hinter sich haben.
Ein bisschen habe ich mich fehl am Platz gefühlt, aber es ist mir bewusst geworden, welches einfache Leben mir in die Wiege gelegt wurde, natürlich muss ich für meine Existenz arbeiten, aber ich werde hoffentlich nicht mein altes Leben in einer Nacht zurücklassen müssen, um irgendwo noch einmal von Null anzufangen, immer mit der Angst verjagt zu werden. Ich habe also die Festtivitäten aus der Besucherposition verfolgt und keine Kampfsprüche mitgesprochen, oder meine linke Faust gehoben. Nicht weil ich es nicht total gut finde was die Menschen dort machen und wie sie die Gemeinschaft präsentieren, sondern weil ich die ganze Zeit das Gefühl hatte, ich werde ihre Gefühle und Intentionen nie richtig nachvollziehen können, ohne jemals selbst diesen Kampf durchgemacht zu haben.
Aber was wäre ein brasilianisches Fest ohne Musik und Tanz? Nach endlosen Vorträgen wurde abends getanzt und getrunken. Wie ihr wisst bin ich eine Niete im Tanzen, aber ich habe ja jetzt ein Jahr Zeit um es zu lernen. Ihr werdet es nicht glauben aber ich wurde sogar zum Tanz aufgefordert, von dem zuckersüßen elfjährigen Rodrigue „Danca comigo“, der war wenigstens nicht so anspruchsvoll.
Nach vier Tagen portugiesischem Input ging es dann letzten Sonntag völlig erschöpft und wieder zurück nach Cáceres.

Beijo Lise

"Lutei pelo bom, pelo justo e pelo melhor do mundo." - Olga Bernário

(Gekämpft für das Gute, für Gerechtigkeit und für eine bessere Welt)

MST 20 anos



Bom Dia :)
Die ersten Tage waren wahnsinnig anstrengend. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr die Hitze anstrengt. Jeden Tag nach dem Mittagessen werde ich müde und habe keine Lust mehr irgendetwas zu tun.

Auch im Projekt ist es nicht einfach, da wir bis jetzt noch den ganzen Tag hingehen und noch nicht besonders nutzvoll sind für die brasilianischen Mitarbeiter.
Für alle, denen ich es noch nicht erklärt habe:
Die brasilianischen Kinder gehen nur vier Stunden am Tag in die Schule, die Älteren morgens, die Jüngeren mittags. Das Goncalinho Projekt ist dazu da, die Kinder in ihrer freien Zeit von der Straße und damit auch von Kriminalität fernzuhalten.

Im Moment aber gibt es von der brasilianischen Regierung ein Programm, das sich "Mais Educacao" (= Mehr Bildung) nennt. Die Eltern werden gezwungen ihre Kinder zu diesem Programm in die Schule zu schicken, denn wenn die Kinder nicht erscheinen wird eine staatlich Hilfe gekürzt, die mit dem Kindergeld vergleichbar ist. Ob dieses Programm wirklich zu mehr Bildung verhilft ist allerdings fragwürdig. Außerdem, soll es scheinbar schon wieder gestrichen werden. Auf Grund dieses Programmes kommen gerade nur sehr wenige Kinder ins Projekt.
Das positive daran ist, es ist für uns einfacher einzusteigen und die Kinder kennenzulernen, wenn sie nach und nach zurück kommen, auf der anderen Seite bin ich immer ein bisschen traurig, wenn es fast so viele Betreuer wie Kinder sind.
Im Projekt gibt es regelmäßig Englischunterricht, der von den Freiwilligen geleitet wird. Es finden aber auch andere "Actividade" statt wie zum Beispiel Drachen basteln oder den Gemüsegarten bepflanzen.

Gerade ist Zeit des Umbruchs: die Freiwilligen des letzten Jahres gehen, die Neuen kommen an.. Zusätzlich musste eine der brasilianischen Mitarbeiterinnen spontan das Projekt verlassen. Zur Zeit ist es also für alle ein bisschen schwierig und anstrengend. Trotzdem heißt es überall "Sejam bem vindos".

Auf Grund von Lucys Abschied und unserer Ankunft haben wir noch zwei kleine Ausflüge zu den Wasserfällen Piriputanga und Primavera gemacht. Bei Ersterem gab es eine kleine Schwimmkurseinheit für meine 9-jährige Gastschwester Raphaela.
Wie schön es dort ist, seht ihr auf den Bildern.

Beijos aus der Ferne
Lise



Schwimmunterricht mit meiner Süßen

Piriputanga



Donnerstag, 20. August 2015
Endlich angekommen
Mein Plan nach dem Abi:
Ein Jahr lang in einem brasilianischen Kinderprojekt im Staat Mato Grosso arbeiten.

Ich habe mich solange darauf gefreut und endlich ist der Tag gekommen, der Flug nach Brasilien steht an.
Die Zeit kurz vor dem Abschied konnte ich mit meinen Freunden und meiner Familie wunderbar genießen. Danke Euch allen! Obwohl ich mich so sehr auf dieses Jahr gefreut habe, habe ich im Hinterkopf immer noch den Gedanken "Ein Jahr ist so lange...was da alles passieren kann in dieser Zeit.." Es gab immer wieder kleine Panikattacken, die mich heruntergedrückt haben, aber auch Augenblicke in denen ich die ganze Welt umarmen hätte können.
Zum Glück bin ich nicht alleine auf dem Weg in dieses riesige Land, Vera, die mit mir in dem Projekt arbeiten wird, hatte die gleichen Anfälle und so konnten wir uns gegenseitig beruhigen und uns auch zusammen freuen.

Um in Cáceres, unserem neuen Wohn- und Arbeitsort, anzukommen haben wir insgesamt über 24 Stunden gebraucht. Mit dem Flugzeug ging es über Paris nach Sao Paulo und schließlich nach Cuiabá, wo wir bei einem netten Pärchen übernachteten, um am nächsten Morgen mit dem Bus nach Cáceres zu fahren. Die Reise war zwar sehr anstrengend, aber trotzdem war es wahnsinnig erleichternd, dass es keine Komplikationen gab.

Vom Busbahnhof in Cáceres wurden wir von unseren Gastschwestern, dem "Mann für alles "des Projektes und dessen Freundin abgeholt.
Da ich schon im vergangenen Sommer fünf Wochen in dieser Gastfamilie gewohnt habe, war die Begrüßung sehr herzlich. Für mich war das Ankommen überraschend emotional, es hat sich nicht angefühlt, wie es sich anfühlt, wenn man an einen relativ fremden Ort kommt und dort wohnen soll. Es hat sich angefühlt, wie nach einer langen Reise nach Hause zu kommen. Ich habe das kleine, süße, gelbe Haus ins Herz geschlossen und vor allem auch die Familie die darin lebt, meine Gastmutter, ihre Tochter und deren Nichte, ein Haus voller Mädels also.
Es hat sich kaum etwas verändert und ich konnte das gleiche schuckelige Zimmer wie letztes Jahr beziehen.
Nicht einmal die Kakerlake im Bad konnte mich erschüttern, ich war einfach zu glücklich an diesem ersten Tag, in dem Ort der nun ein Jahr lang mein Zuhause sein wird...

Beijos Lise

Total kaputt, aber glücklich in Sao Paulo angekommen.