Besonderes Ereignis
Seit ich zurück bin sind schon ein paar Dinge passiert:
Im Projekt haben wir für die Kinder einen Adventskalender gebastelt, der jeder Tag für ein Kind Süßigkeiten enthält und jeweils eine Aktivität, die sich die Kinder für den letzten Monat vor den großen Ferien gewünscht haben.
Bevor wir damit angefangen haben hatte ich das Jack vorgeschlagen und sie fand es auch gleich ein gute Idee, mich hat es dann nur genervt, dass immer alles mit den vorherigen Jahren verglichen wird und dass sie es so dargestellt hat, als sei es ihre Idee gewesen, den Kalender zu machen, aber gut, ist ja auch nicht so wichtig, die Kinder haben eine riesige Freude daran.
Diese Woche haben wir schon eine Lichterkette gebastelt und mit Seife und Wasser das Projekt in eine Rutschbahn verwandelt:





Zu diesem Bild muss ich sagen: ich möchte eigentlich nicht, dass es so nach außen wirkt, als seien die Kinder total liebebedürftig und wir würden die Kinder die ganze Zeit umarmen, weil wir denken sie brauchen und mögen das usw. aber als es hieß wir machen alle zusammen ein Foto, hat sich der kleine Pietro einfach auf meinen Schoß gesetzt.



Nun zu dem „besonderen“ Ereignis, von dem die Überschrift verspricht:
Letzten Sonntag war ich mit Manu, Rafaela und Hadassa (die gerade auch bei uns wohnt) in der Kirche. Erst einmal musste ich mich aufregen, weil einer der ziemlich oft bei uns herumhängt meinte, ich bräuchte nicht hingehen, ich würde ja eh nichts verstehen.
Aber gut, mit vorsorglicher Watte in den Ohren hab ich mich mit den Mädels auf den Weg gemacht, die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt und direkt neben dem Kirchengebäude draußen war sogar ein Beamer, für alle, die nicht mehr hineingepasst haben, dazu muss man wissen, das ist nicht normal, an diesem Wochenende war ein Fest der Jugendlichen der Kirche. Also habe ich mich mit den Kleinen hingesetzt, Manu saß vorne, weil sie bei einem kleinen Theater später mitmachte.
Für alle, die es nicht wissen, meine Gastfamilie gehört einer evangelikalen Kirchengemeinde an.
Der Gottesdienst begann so, wie ich mir das vorgestellt habe, ich wusste ja, dass viel gesungen und sehr laut gebetet werden würde. Ehrlich gesagt, so im Nachhinein weiß ich gar nicht, wann gebetet wurde oder nicht, oft musste man aufstehen und ständig hat jemand „Amen“, „Hallelujah“, „Gloria“ oder etwas anderes gerufen, von andächtiger Stille keine Spur.
Auch schauen die Leute immer so leidend (ich verstehe nicht warum, ich dachte mit einem festem Glauben verspürt man eher Glück) und viele weinten.
Die beiden Mädchen gingen irgendwann, ohne mir ein Wort zu sagen, aber das war nicht so schlimm, neben mir saß dann ein kleiner Junge mit Down-Sydrom, mit dem ich gerne gespielt hätte, immer wieder hat er mich angestupst und ich habe zurück gestupst, das fand er glaube ich viel interessanter als den Gottesdienst.
Die Predigt habe ich nur zur Hälfte verstanden, der Pastor hat eigentlich nur geschrien. Was ich aber verstanden habe war: Brasilien erlebt keine Tsunamis und keine Bomben fallen auf das Land herunter, weil hier mehr Menschen an Gott glauben und dieser Glaube sehr stark ist. Ist das zu glauben?? Damit kann ich mich nicht einverstanden zeigen. In Bolivien gibt es auch keine Tsunamis, aber liegt das am Glauben? Ich denke nicht, dort gibt es doch noch nicht einmal Meer. Wie soll denn hier nach Mato Grosso, dem Mittelpunkt Südamerikas eine Tsunamiwelle kommen?!?
Naja, darüber und über die anderen ziemlich unlogischen Dinge, die der Pastor von sich gab, wollen wir mal hinwegsehen, jetzt zum, für mich, besonderen Teil.
Am Ende der Predigt sollte man ein paar Mal die Person neben sich umarmen, ich stand die ganze Zeit nur doof da, bis eine Frau hinter mir irgendwann angefangen hat, mir die Hand auf die Schulter zu legen. Dann fragte mich eine andere Frau, ob ich nicht „akzeptiere“, ich wusste nicht einmal was ich akzeptieren sollte, Manu hat mir später erklärt, dass gemeint war, ob ich Jesus nicht akzeptiere und ich habe der Frau gesagt, dass ich aus Deutschland komme und es nicht zu meiner Kultur gehört, die Hand zu heben und irgendwelche Sachen zu rufen, das hat sie aber glaube ich nicht verstanden.
Jetzt kommt der, wie ich finde, verrückte und ein bisschen altertümliche Teil, der Pastor bat alle Jugendlichen der Kirche nach vorne und meinte, er macht jetzt etwas übernatürliches.. Darf man sich das überhaupt herausnehmen, sagen, man könnte so etwas? Auf jeden Fall fing er dann an, die Jugendlichen zu segnen und die Dämonen auf ihnen heraus zu „ziehen“. Ich wusste nicht, dass es so etwas noch gibt!!
Dann schickte er sie nach draußen, um neue Mitglieder für die Kirche zu finden (das wurde mir erst danach erklärt, aber ich glaube ich hätte nicht anders auf das reagiert, was jetzt kommt:)
Manu kam nach einer Weile strahlend auf mich zu und fragte mich, ob ich zu ihrer Kirche gehören möchte, wir umarmten uns und ich sagte zu ihr, wir reden danach. Ich dachte, sie fragt das, weil der Gottesdienst fast vorbei ist und sie so in etwa wissen will, wie es mir gefallen hat. Aber wirklich, es war echt ein bisschen emotional, denn sie hat mich angeschaut, als wäre das gerade ihr größter Wunsch, dass ich Teil ihrer Gemeinde werde. Wir haben uns wieder umarmt und sie ging nach vorn zurück. Die neuen Mitglieder wurden dann gesegnet und es wurde gesungen, während dem Lied verstand ich alles von dem Text, jetzt aber weiß ich nur noch Teile davon, wie zum Beispiel, dass alle die glauben gerettet sind, ich weiß nicht warum, aber in dem Moment war es, wie wenn portugiesisch meine Muttersprache wäre und ich fing fast an zu weinen. Dann legte eine Frau hinter mir ihre Hand auf meine Schulter und sagte: „Du bist etwas Besonderes für Jesus.“
Ihr glaubt jetzt bestimmt ich übertreibe, aber in genau diesem Moment hat es sich angefühlt, als wäre ich, ich alleine, etwas besonderes für ihn, als einziger Mensch in diesem Raum. Und mein Hals war zu, ich hätte nichts sagen können und eine Träne lief mir über die Wange und ich habe mich tatsächlich gefragt, ob das ein Zeichen ist. Jetzt wo ich das schreibe hört es sich verrückt an, aber ich habe später mit Vera darüber geredet und sie meinte, ich solle unbedingt hier darüber schreiben, denn genau so funktioniert diese Kirche, genau so gewinnen sie Mitglieder.

Ich habe nach dem Gottesdienst noch lange mit Manu darüber geredet, was sie glaubt, was ich glaube und was gesagt wurde und ich habe wirklich Interesse, noch andere Kirchen zu besuchen und auch noch einmal ihre.
Es gibt viele Dinge, in denen wir uns nicht einig sind und ich glaube auch nicht, dass ich als komplett veränderter Mensch zurückkomme, aber vielleicht ändert sich meine Sicht auf die Dinge, auf Grund all der Erfahrungen, die ich hier mache...

Beijos Lise