Ferien auf dem Bauernhof
Wieder einmal liegt ein langes Wochenende hinter mir. Am Dienstag war Geburtstag von Cáceres, also war am Montag Brückentag.
Mein Wochenende habe ich mit Vera auf dem Assentamento Roseli Nunes verbracht. Wie ich schon einmal erzählt habe, besetzt die Landlosenbewegung MST ungenutzte Landflächen, diese Lager nennen sich Acampamento, sobald der gerichtliche Prozess dann gewonnen ist und das Land der MST zugesprochen wurde, werden Lotes (Landstücke) an die besetzenden Familien verteilt, die schon am längsten auf Land warten. Auf diesen Landflächen errichten die meisten eine Art Bauernhof, einige mehr andere weniger, das kommt auch immer auf die Vorgeschichte der jeweiligen Familie an. Die Familie von Lucas, die wir zwei Tage besucht haben hat zwar beispielsweise Schweine und einen Gemüsegarten, die Eltern arbeiten aber hauptberuflich als Lehrer bzw. der Vater als Maurer.
Am Samstagnachmittag ging es also mit dem Bus los zum Sítio (Bauernhof).
In Mirassol wurden wir dann mit dem Bus abgeholt, denn das Assentamento ist riesig und anders nicht zu erreichen. Abendessen gab es auch dem Hof von Matheus, unter Anderem wurde auch Rindermagen aufgetischt. Es war eine Erfahrung wert das zu probieren, muss aber nicht noch einmal sein.
Die Nacht war viel kühler als in der Stadt und auch viel ruhiger. Keine kläffenden Straßenhunde, keine Motorräder oder Autos und auch keine Partys an jeder Ecke. Das war total entspannend, bis es am nächsten Morgen los ging, die Haushunde bellten und die Kühe schrien. Als Vera und ich um neun aufstanden war es schon viel zu spät um Kühe zu melken. Dafür hatten wir die Chance mit einem alten Traktor das Landstück von Matheus' Familie ab zu fahren.



Unterwegs trafen wir noch mehr Rinder, darunter auch ein totes, das aussah als hätte jemand die Luft abgelassen. Noch nie habe ich ein totes Tier dieser Größe irgendwo liegen sehen. Ich glaube, würde auf einer Wiese in Deutschland eine Kuh sterben, würde man gleich ein Drama beginnen, hier lässt man es einfach liegen. Nach unseren kleinen Tour ging es dann zum Hof von Lucas, dort hatten der Vater und der Opa gerade ein Schwein geschlachtet. Fasziniert von den Innereien haben wir alles angefasst und genau unter die Lupe genommen. Die Umstehenden fanden das glaube ich ziemlich witzig, aber trotzdem auch cool. Lucas vergleicht uns ständig mit den zwei Mädels vom Austausch 2012 die in seinem Haus wohnten, das ist manchmal ziemlich ermüdend aber wir schneiden eigentlich immer gut ab, denn die beiden waren wohl nicht so motiviert auf einem Bauernhof ein paar Tage zu verbringen. Mich hat es jedenfalls nicht abgeschreckt, das Schwein so zu sehen. Das nächste Mal möchte ich dann dabei sein, wenn es geschlachtet wird.
Nach einer kleinen Runde durch die Natur rund um das Haus gab es dann besagtes Schwein, zusammen mit Reis und anderen Beilagen.



Von der Zunge bis zum Darmausgang alles am Stück. Hier die Zunge mit Luft-und Speißeröhreneingang, ist das nicht interessant?



Nachmittags ging es dann zum Fußballspielen auf einem der 10 Plätze, die das Assentamento hat, krass oder? Aber am beeindruckendsten finde ich, dass das komplette Gelände des Assentamentos, das heute in 331 Lotes aufgeteilt ist, einem einzigen Typen gehört hat, der dieses Land überhaupt nicht genutzt hat. Da die Häuser soweit auseinander stehen, kann man dort abends nicht ausgehen, also machten wir einen Filmabend mit „Olga Bernário“, den Film haben sich Vera und ich gewünscht, weil wir keine Lust mehr auf eine niveaulose brasilianische Komödie hatten. Olga Bernário ist bis heute ein Vorbild für die sozialistische Bewegung der Landlosen. Im Zweiten Weltkrieg hat sie rebelliert und starb am Ende in einer der Gaskammern, der Film erzählt ihren Kampf, bis zum Ende.
Am Montagmittag haben wir die Schule des Assentamentos besucht, diese ist eigentlich wie die anderen Schulen hier auch, nur können die Schüler noch einen Agrarteil dazu wählen, da wird dann Agrarkultur, -wirtschaft und so weiter behandelt.



Danach waren wir kurz auf dem Hof von Matheus um die Kühe zu füttern, das war zu viert nicht viel Arbeit. Zum Fressen kam dann auch das Pferd (woher auch immer, das kann keiner so genau sagen). Also ritten wir spontan noch eine Runde (natürlich nicht allein).



Abends sprach ich mit Lucas' Mutter, sie erzählte mir, wie sie zu der Bewegung kam. Viele Leute treten bei, weil sie arm sind und kein Land besitzen, nichts haben. Bei ihr war es anders, ihre Freundin hat sie dazu gebracht, sie kannte die MST aber schon. Da sie sehr viel über Heilpflanzen weiß, bat ihre Freundin sie auf ein Acampamento zu begleiten. (Sie und ihre Kinder waren noch nie bei einem Arzt). Also ging sie hin, half den Menschen dort und war wahnsinnig beeindruckt von ihrem Leben. Sie und ihr Ehemann traten der MST bei und besetzten Land. Die Zeit dort sieht sie als die Schönste ihres Lebens, sie würde sofort zurück auf ein Acampamento gehen, wenn sie es entscheiden könnte. Kaum vorzustellen oder? Ich dachte immer, die Leute treten nur aus Verzweiflung bei, aber scheinbar ist das nicht immer so.
Nachts haben wir uns ein bisschen raus gesetzt und die Sterne angeschaut, unglaublich wie viele man dort draußen sehen kann! Der Himmel war wunderschön und ich bekam sogar die erste Sternschnuppe in meinem Leben zu sehen.
Am nächsten Morgen ging es dann früh los zu einem Acampamento in der Nähe. Leider gibt es davon nur ein Foto, aus dem Auto heraus fotografiert. Da das Acampamento Pedro erst ein paar Monate alt ist, durften wir eigentlich keine Fotos schießen. Den genauen Grund habe ich nicht verstanden.



Als wir dort waren und durch die Holzbarackenstadt liefen, in der zur Zeit über 200 Familien wohnen, wurden wir von allen Seiten begrüßt. Die Menschen dort waren sehr offen uns gegenüber und erzählten, wie es ihnen auf dem besetzten Land geht. Ein älterer Mann, bei dem wir anhielten um Kaffee zu trinken meinte er würde niemals wieder weg wollen. Er liebt das Leben auf dem Acampamento. Auch am Eingang des Geländes hing ein Plakat: „Lieber im Kampf sterben, als aus Hunger“
Die Einstellung der Menschen dort fasziniert mich immer noch sehr. Auch das die Leute schon so organisiert sind. Beispielsweise gibt es Uhrzeiten wann Wäsche gewaschen wird, wann die Frauen und wann die Männer baden können. Fast bei jeder Baracke befindet sich ein kleines Beet, in dem Salat oder Frühlingszwiebel angebaut werden.
Wir wunderten uns, ob die Fläche auf denen die Baracken stehen schon immer so kahl war, denn man kann ja nicht unauffällig eine so große Fläche plattmachen. Ein Mann erklärte uns dann, dass bevor eine Besetzung gestartet wird, eine kleine Gruppe von Mitgliedern der MST das gesamte Gelände unter die Lupe nimmt, dann werden die Familien, die die Besetzung vornehmen herausgesucht und angeworben, auch ist klar eingeteilt, wer wie viel Platz bekommt.

Auf dem Weg zurück nach Cáceres hielten wir noch auf dem Acampamento Casio Ramos, welches ein bisschen kleiner ist und schon seit über einem Jahr am Ortseingang von Cáceres besteht. Diese Besetzung unterscheidet sich sehr stark von der anderen. Da es an diesem Standort keinen Wald o.ä. Gibt, sind die Baracken viel improvisierter, z.B. mit Plastikfoliendach.
Auch gibt es keine Wasserstelle in der Nähe, was vieles erschwert, ich denke auch weil das Acampamento so nahe an der Stadt ist, leben viele nur zu Hälfte dort. Eine Frau meint, nur 20 Personen sind ständig da und leben wirklich nur auf dem besetzten Land. Vermutlich verlangsamt das auch den ganzen Prozess mit der Justiz. Allgemein wirkten auf mich die Leute auf dem ersten Acampamento zufriedener als dort.

Als ich wieder zuhause war, wartete meine Gastfamilie auf mich, meine Gastmutter und Rafaela kamen endlich zurück, ich habe mich den ganzen Tag auf die beiden und Manu gefreut.

Hat wieder ziemlich lange gedauert bis ich den Beitrag fertig hatte, die letzte Woche war von Mittwoch bis Sonntag ein Rodeofestival in Cáceres, das mir ziemlich viel Schlaf und Zeit geraubt hat. War aber eine interessante Erfahrung, ich wusste ja das Rodeo gefährlich ist, jetzt bin ich auch der Meinung, dass es ziemlich dämlich ist, 8 Sekunden auf einem Bullen zu sitzen, runter zu fallen und dann vielleicht zerquetscht zu werden. Jedem das Seine nicht wahr?

Beijos Lise