Hinfallen. Aufstehen. Krone richten. Weitergehen.
Donnerstag, 10. September

Ich habe lange überlegt, ob ich euch von meinem schlimmsten Tag hier, bis jetzt, erzählen soll. Ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich nicht nur die schönen Sachen erzählen sollte, sondern, dass ruhig jeder wissen darf, dass es hier auch Tage gibt an denen es mir nicht gut geht und die mich zum Verzweifeln bringen.
Wie schon zu erahnen ist, war dieser Tag am Donnerstag, im Nachhinein muss ich sagen, ich trage selbst die Schuld dieses beschissenen Tages, aber es hat mich einiges gelehrt und ich denke auch dem Projekt-Team.
Jacke hatte mir morgens eine Nachricht geschrieben, dass ihr Bus auf dem Weg nach Hause von einem Fest am Abend vorher eine Panne hat und sie es wohl nicht rechtzeitig ins Projekt schaffen wird. Dann meinte sie noch, ich solle die Kinder nach Hause schicken. Leider habe ich die Nachricht falsch verstanden (teilweise auch aufgrund einer sehr nachlässigen Schreibweise). Ich dachte, ich solle die Kinder einfach beschäftigen, bis Jacke dann nachkommt. Das habe ich dann auch gemacht.
Als ich kurz weg war, haben einige Kinder die Fliesen, die ich gerade eben erst geputzt hatte wieder schmutzig gemacht, dann bin ich hingegangen, habe gefragt, ob sie wissen wer das wieder sauber macht und ohne einen Mucks von sich zu geben haben sie dann abwechselnd geputzt. Nachdem das erledigt war hatte ich das Gefühl, sie respektieren mich ein bisschen mehr, denn es war ruhiger und eigentlich auch kaum anstrengend. Ich habe die ganze Zeit vermeintlich auf Jacke gewartet (sogar Sanzio dachte, sie kommt einfach nur später) und auch keiner der Austauschteilnehmer kam. So blieb ich die ganze Zeit alleine mit 13 Kindern. Da niemand kam, konnte ich auch kein Lanche kaufen gehen, deshalb gab es für die Kinder nur bedauerlicherweise nur Kekse und Saft, was mir unendlich leid tut, aber ich habe mich einfach nicht getraut zu gehen, das wäre noch viel Verantwortungsloser gewesen.
Als Mini Actividade haben wir darüber geredet, warum Zähne putzen wichtig ist und ein kleines Mandala angemalt.
Am Ende des Vormittags war ich eigentlich ganz froh und auch ein bisschen stolz, dass ich alles allein gemeistert habe.
Mittags dann bekomme ich eine Nachricht, eine Mutter hätte sich im
Projekt gemeldet, ihr Kind sei heulend nachhause gekommen. Die Jungs hätten sich im Projekt geprügelt und einer hätte ihm in den Rücken getreten. Nachdem ich dann mehr oder weniger zusammengeschissen wurde, es sei Jackes Verantwortung und ob ich nicht aufgepasst hätte, war der Tag für mich gelaufen. Leider war ich alleine zu Hause, sodass Rat in Deutschland gesucht habe. Später als Jacke dann meinte, dass könne jedem passieren, sie prügeln sich immer, wenn man nicht sieht, war es bei mir schon vorbei.
Als ich abends zur Teambesprechung kam dauerte es keine 5 Sekunden bis ich heulend in Veras Armen saß. Vor allem an diesem Tag wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, dass wir einander hier haben, das hätten wir, glaube ich, beide anfangs nicht gedacht, aber jetzt bin ich wahnsinnig froh jemanden zu haben, der mich versteht. Danke Vera!
Im Team haben wir nochmal geredet und auch das Missverständnis aufgedeckt. Ich glaube, daran muss ich mich gewöhnen, aber Gefühle werden nur über WhatsApp mitgeteilt, so bekam ich danach noch eine Nachricht, in der Jacke vorschlug, die Regeln mit den Kindern zu wiederholen und nochmal über das Geschehene zu reden. Das fand ich wirklich nett, vielleicht respektieren mich die Kinder dann ein bisschen mehr.
Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass ich zum größten Teil selbst schuld bin und lieber dreimal nachfragen sollte, auf der anderen Seite hätte ich nicht gewusst, was ich den Kinder sagen sollte, denn „freigeben“ ist meiner Meinung nach der falsche Begriff für ein Projekt, das jeden Tag aufs Neue freiwillig besucht wird. Ich denke auch, wenn er schon geweint hätte, als wir uns im Projekt verabschiedetet haben, hätte ich das sicher gemerkt.
Dem Jungen geht es übrigens gut, schon am nächsten Tag hat er mich mit einem strahlenden Gesicht vor seiner Schule begrüßt.

Beijos
Professora Lise