Schon nach zwei Wochen in Brasilien ging es für Vera und mich nach Cuiaba zum 20-jährigen Jubiläum der MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais sem Terra). Diese Bewegung Landloser besetzt seit 20 Jahren in Mato Grosso ungenutzte Landfläche und kämpft jahrelang um diese Flächen, bis sie den Eigentümern aberkannt und ihnen zugesprochen werden.
Leider habe ich an den vier Tagen, die wir in Cuiabá verbracht haben kaum etwas verstanden. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass es ziemlich schwer ist politische Reden in einer fremden Sprache zu verstehen. Das ließ mich oft enttäuscht irgendwo herumsitzen. Dazu kam noch der Lärm und die Hitze, die in Cuiabá noch unerträglicher ist.
Sanzio hat uns ein bisschen etwas erklärt, zum Beispiel, dass Brasilien gerade seit 2 Jahren in einer politischen Krise steckt, weil die meisten PT-Anhänger (Arbeiterpartei) unzufrieden mit der Politik Dilmas sind, da sie nicht umsetzt was sie verspricht und so die sozialen Verbände auch in eine Krise zieht. Es waren Vertreter von verschiedenen Organisationen da, die erzählt haben was für verschiedene Auswirkungen die Agrarreform haben wird und warum es sich lohnt sich dafür einzusetzen. Insgesamt haben glaube ich alle dafür geworben, die PT weiter zu wählen, bin mir aber nicht sicher.
Die Stimmung war natürlich sehr emotional, weil sie die Erfolge der 20 Jahre und die Verluste, also Leute die dabei gestorben sind, in Erinnerung geholt haben. Man hat ihnen ihren Stolz ansehen können. Die ganzen Kampfrufe fand ich am Anfang ein bisschen komisch, aber ich glaube dass die Gemeinschaft, die dadurch entsteht den Leuten total viel Kraft gibt, weil alle einen ähnlichen Kampf hinter sich haben.
Ein bisschen habe ich mich fehl am Platz gefühlt, aber es ist mir bewusst geworden, welches einfache Leben mir in die Wiege gelegt wurde, natürlich muss ich für meine Existenz arbeiten, aber ich werde hoffentlich nicht mein altes Leben in einer Nacht zurücklassen müssen, um irgendwo noch einmal von Null anzufangen, immer mit der Angst verjagt zu werden. Ich habe also die Festtivitäten aus der Besucherposition verfolgt und keine Kampfsprüche mitgesprochen, oder meine linke Faust gehoben. Nicht weil ich es nicht total gut finde was die Menschen dort machen und wie sie die Gemeinschaft präsentieren, sondern weil ich die ganze Zeit das Gefühl hatte, ich werde ihre Gefühle und Intentionen nie richtig nachvollziehen können, ohne jemals selbst diesen Kampf durchgemacht zu haben.
Aber was wäre ein brasilianisches Fest ohne Musik und Tanz? Nach endlosen Vorträgen wurde abends getanzt und getrunken. Wie ihr wisst bin ich eine Niete im Tanzen, aber ich habe ja jetzt ein Jahr Zeit um es zu lernen. Ihr werdet es nicht glauben aber ich wurde sogar zum Tanz aufgefordert, von dem zuckersüßen elfjährigen Rodrigue „Danca comigo“, der war wenigstens nicht so anspruchsvoll.
Nach vier Tagen portugiesischem Input ging es dann letzten Sonntag völlig erschöpft und wieder zurück nach Cáceres.
Beijo Lise
"Lutei pelo bom, pelo justo e pelo melhor do mundo." - Olga Bernário
(Gekämpft für das Gute, für Gerechtigkeit und für eine bessere Welt)

weltbaer am 21. August 15
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