In letzter Zeit.......
Der letzte Eintrag ist schon eine ganze Weile her, aber obwohl ich ziemlich viel zu tun hatte ist nicht wirklich etwas Spannendes passiert.
Bis zum 22. Oktober waren 7 Praktikantinnen der Uni im Projekt. Die Zeit war etwas langweilig für mich, da sie die Atividades und das Lanche organisierten. Das einzig Spannende in dieser Zeit im Projekt war, sich über diese Pädagogik Studentinnen aufzuregen, ganz ehrlich bei manchen verstehe ich heute noch nicht warum sie das studieren und was lernt man denn bei einem Praktikum, wenn man sich einfach auf den Boden legt und schläft?! Wenn wir ehrlich sind, war das ganze Projektteam froh, als die Mädels wieder weg waren.
Wenigstens hatten Vera und ich dann Zeit uns endlich beim SESI-Club anzumelden, das ist ein Freizeitclub mit Schwimmbecken, der auch Zumba- und Wassergymnastikkurse anbietet. Leider sind wir immer noch nicht offiziell dabei, weil estrangeiros, (das ist das Wort für “Ausländer”, das ich irgendwie immer noch herabsetzend finde, wahrscheinlich weil “estranho” sowas wie seltsam oder merkwürdig heißt) keine CPF Nummer haben (Jeder Brasilianer hat eine Nummer, die braucht man zum Beispiel um zu reisen oder in größeren Läden einzukaufen).
In meiner Freizeit beteilige ich mich auch im Haushalt, zum Beispiel beim Wäsche waschen donnerstagmorgens, eigentlich waschen Manu und ihre Mutter und ich hänge alles im Garten auf gespannten Kabel und Drähten auf.
Am Wochenende gehe ich grade oft an die Sematur, das ist eine Wiese mit ein bisschen Sandstrand am Fluss Rio Paraguai im Zentrum der Stadt. Hier treffen sich Jugendliche und essen Wassermelone oder trinken Tereré, das ist wie eiskalter, erfrischender Tee.
Letzte Woche haben wir uns dort mit ein paar Leuten getroffen, darunter auch ein Indio, der am Brasilien-Deutschland Austausch mitmacht.
Ich hatte ihn mal gefragt, wie sie in seinem Dorf die Ohr- und Nasenlöcher stechen und er meinte mit einem Holzspan. Als er dann noch meinte, wenn er das bei mir machen würde, würde ich heulen habe ich das als Herausforderung genommen. Ich habe schon einmal über noch ein Ohrloch nachgedacht, aber dann dachte ich: Jetzt erst recht! Nicht wegen des Loches, sondern wegen der Erfahrung. (Hätte es ja immer noch zuwachsen lassen können)
Also hat Guilherme mir kurzer Hand ein Ohrloch gestochen, ein bisschen Angst hatte ich vorher schon, aber es hat kaum wehgetan.
Das Bild haben wir erst danach gemacht, weil in dem Moment irgendwie keiner daran gedacht hatte das festzuhalten, aber ich finde es zeigt die Situation gut.
Im Nachhinein kann ich nicht verstehen, wie er einfach das Ding durch mein Ohrläppchen bohren konnte. Die Erfahrung war es auf jeden Fall wert und bis jetzt hatte ich auch noch keine Beschwerden.
Er hätte mir dann gleich auch noch eins in die Nase gemacht, das wollte ich dann aber nun wirklich nicht. Sogar bei ihm hätte Wasser das Auge verlassen als er das Loch durch die Nase bekommen hat. Ich fande das so witzig, als es das gesagt hat, weil wir doch das Sprichwort haben: Indianer kennen keinen Schmerz.
Wo ich gerade bei Schmerzen bin: Am Dienstag hat sich im Projekt ein Kind den Arm gebrochen. Der Junge ist eine Mauer hochgeklettert und dann herunter gefallen. Als er dann zu uns Professoras kam habe ich erst nicht geblickt was los ist, denn durch einen Unfall und eine schlechte Operation hat er ein längeres und ein kürzeres Bein und humpelt deshalb. Ich habe den Arm gesehen und dachte nur: Hä, er hat auch einen komischen Unterarm (gleich nach dem Handgelenk machte der Arm eine Welle). Ich musste wieder einmal feststeellen, dass es im Projekt kaum Sanitätsmaterial gibt. Also haben wir den Arm mit einem alten Lappen “geschient” und Eiswürfel in eine Tüte um zu kühlen. Drika hat gleich die Feuerwehr gerufen, denn die kommt hier bei einem Unfall und ersetzt unseren Notdienst (mehr oder weniger), die Antwort war, es dauert noch.. In der Zwischenzeit war jemand bei den Nachbarn vom Projekt, denn da wohnt auch ein Feuerwehrmann, der kam dann kurz rüber meinte so etwas wie: “Ja, der Arm ist tatsächlich gebrochen” und ist wieder gegangen. Irgendwann kam noch die große Schwester von dem Jungen mit der er lebt, die stand auch nur teilnahmslos rum. Mir tat Adilson so leid, am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen und gesagt es wird alles gut, irgendwie habe ich das aber nicht hinbekommen zu sagen.
Ich war die ganze Zeit total ruhig und gelassen, aber als Adilson dann nach mehr als einer halben Stunde abgeholt wurde war ich total leer. Keine Ahnung warum, ich hatte Angst was mit ihm passiert und war irgendwie traurig, dass ich ihm nicht so viel helfen konnte, wie ich gerne hätte und dass es auch gar keine Mittel im Projekt gab. Nachdem das Projekt dann aufgeräumt war und alle gegangen sind bin ich mit Weverton ins Zentrum gefahren um mich mit Vera zu treffen. Er meinte, ich solle Krankenschwester werden, aber ich glaube das wäre nicht mein Ding. Mir war den ganzen Tag über voll schlecht und nachts konnte ich auch nicht schlafen, ich hatte Angst was passiert und ob die Ärzte den Arm auch gescheit richten.
Am Freitag habe ich ihn kurz mit einem dicken Gips gesehen, da war ich richtig glücklich, dass es ihm gut geht, aber wir werden sehen wie sich alles entwickelt...
Ich hoffe es passiert nichts mehr und auch mir nicht..
Im Projekt haben wir uns die letzte Woche mit Halloween beschäftigt, die Kinder haben Deko und Kostüme für das kleine Fest am Freitag gebastelt.
Am Freitag trafen sich alle Helfer um 15Uhr um das Projekt zu dekorieren, zu verdunkeln, Popcorn und Hotdogs vorzubereiten. Ab fünf standen dann die Kinder vor dem Zaun und Vera und ich gingen raus um alle zu schminken, als alle dann verkleidet und geschminkt waren schauten wir einen Film. Die Kinder fanden ihn teilweise langweilig, aber wir waren uns einig, dass man keinen Horrorfilm zeigen kann, denn wenn die Kinder das zu Hause erzählen, was wirft das dann für ein Licht auf das Projekt?!
Trotzdem hat es allen gefallen, hätte es mir auch weniger cool vorgestellt, obwohl wir so motiviert waren es schön zu gestalten, aber manchmal habe ich immer noch das Gefühl, dass die Ideen nicht ausgesprochen werden, vielleicht brauchen die Brasilianer nicht darüber zu reden, aber manchmal würde ich mir ein bisschen mehr Information wünschen.
Am Ende war es ein tolles Event und alle waren glücklich mit dem Verlauf.
Das Goncalinho-Projekt-Team:
Fast alle Kinder waren da:
Im Vorbereitungsstress war auch noch Veras Umzug in eine neue Familie geplant, die bisherige Familie war irgendwie nicht so glücklich gewählt, denn irgendwann hat sich auch herausgestellt, dass es nicht so recht ist, wenn ich ständig bei Vera bin, weil sowieso hat die Gastschwester ja kaum noch Freiheit hatte, irgendwie alles paradox, weil ich sie fast nie gesehen habe wenn ich da war. Gestern konnte Vera dann endlich umziehen. Habe ihr dabei geholfen, die Koffer ins neue Haus zu bringrn. Wir sind bestimmt den doppelten Weg mit den schweren Koffern gelaufen, weil sie das Haus nicht mehr gefunden hat. Irgendwann haben uns dann zwei alte besoffene Typen angemacht und wollten wissen wo wir hinmöchten, das war irgendwie grußelig, weil es auch schon dunkel war. Es war komisch das Haus zu verlassen, aber gut, dass niemand sonst da war. Wir werden wahrscheinlich nicht wieder zurück kommen, aber irgendwie ist keiner von uns deshalb traurig.
Bin froh über meine Gastfamilie und für alle die sich fragen, ob ich dann jetzt auch woanders wohne, nein, mir gefällt es hier in meiner Familie super. Bis zur großen Reise im Dezember bleibe ich auf jeden Fall hier. Danach schau ich mal.
Heute hat meine Familie Zuwachs bekommen, Manus Schwester kam und hat ihre 5-jährige Tochter und ihren dreimonatigen Sohn mitgebracht. Da bin ich mal gespannt, wie das wird und ob das Baby viel schreit.
Auf jeden Fall gehts mir super gerade, bin echt glücklich hier zu sein, es fühlt sich nur komisch an, dass schon ein Viertel der Zeit herum ist.
Beijos Lise